Aristoteles im Philosophenmosaik, Römisch-Germanisches Museum, Köln

Kölner Prägungen: Ps.-Dionysius Areopagita und Aristoteles

In Albert fand Thomas einen kongenialen Lehrer, der ihn nicht nur durch seine Kommentare mit den Schriften des Ps.-Dionysius Areopagita bekannt machte, sondern ihn insbesondere in der Hochschätzung der Philosophie unterstützte. Mit seinem Projekt, durch eine vollständige systematische Kommentierung der damals bekannten Schriften des Aristoteles, „alle Teile der Philosophie den Lateinern bekannt zu machen“, ging Albert deutlich über die ältesten Konstitutionen seines Ordens hinaus, die für die Ordensbrüder v.a. die Kenntnis der heiligen Schriften (notitia Scripturarum) gefordert, die Lektüre heidnischer Bücher indessen nur unter strengen Auflagen gestattet hatten. - Die Aristoteles-Kommentare Alberts, zum größten Teil im Kölner Dominikanerkloster verfaßt, stellten eine Leistung von epochaler Bedeutung dar - wurde mit ihnen doch die Grundlage von Wissenschaft und Rationalität geschaffen, die für das Abendland bis in die Gegenwart prägend ist.   

Die Gotteslehre des Ps.-Dionysius Areopagita

Dionysius Areopagita, Byzantinisches Mosaik, frühes 11. Jh. Hosios Loukas Monastery, Böothien, Griechenland

Für Thomas sollte die Kölner Beschäftigung mit den Schriften des Ps.-Dionysius, die die ältesten Biographien ausdrücklich vermerken, von grundlegender Bedeutung insbesondere für seine Gotteslehre des Thomas von Aquin - zumal mit seiner „negativen Theologie“, dem Wissen darum, daß alle Rede über Gott vorläufig und unvollkommen ist angesichts seiner stets größeren Unfaßbarkeit und Unerkennbarkeit. So beginnt Thomas die Gotteslehre seiner Summa theologiae mit der bemerkenswerten Aussage: "Weil wir nicht vermögen, von Gott zu wissen, was er sei, sondern nur, was er nicht sei, darum können wir nicht betrachten, wie Gott sei, sondern vielmehr, wie er nicht sei" (I 3 prol.).
Von Einfluß ist ferner die Lehre von den göttlichen Namen Gottes - seiner Bezeichnung als "Das Gute", "das Licht", "das Schöne", "die Liebe" etc. - die Ps.-Dionysius  in seinem Werk De divinis nominibus entfaltet hat. Thomas hat ihm in seinen Jahren in Orvieto (1261-1265) einen Kommentar gewidmet. Auch die Lehre von den Engeln und ihren himmlischen Hierarchien wird der "Doctor angelicus" weiter verfolgen - und dies nicht zuletzt gestützt auf die Philosophie des Aristoteles und ihre Lehre von den getrennten Substanzen (vgl. dazu die Opuscula De ente et essentia c. 4 und De substantiis separatis).

Die Ethik des Aristoteles

Speculum Virginum, Baum der Tugenden (13. Jh. Abtei Himmeroth), Walters Art Museum Ms. W.72, fol. 26r
Speculum Virginum, Baum der Tugenden (13. Jh. Abtei Himmeroth), Walters Art Museum Ms. W.72, fol. 26r

Hinsichtlich der Aristoteles-Rezeption waren es die Kölner Kommentierungen Alberts zur Nikomachischen Ethik, die Thomas hörte und später ins Reine schrieb, die ihm den Schlüssel zu seiner eigenen Aristoteles-Rezeption lieferten. Denn die Aristoteles-Rezeption des Thomas ist primär praktisch orientiert.

Zeugnis von dieser tiefgreifenden Prägung geben nicht nur die über 350 Reminiszenzen an den Kommentar Alberts in Thomas eigenem Ethik-Kommentar, der Sententia libri Ethicorum, die erst viel später entstand (vermutlich 1270 in Paris). Auch das von Thomas angefertigte Begriffslexikon zu diesem Werk, die Tabula libri Ethicorum, belegen sind - sind ihre Definitionen doch größtenteils wörtliche Zitate Alberts. Der Aufbau der Nikomachischen Ethik wird Thomas schließlich als Grundgerüst dafür dienen, im zweiten (größten) Teil seiner Summa theologiae den Rückweg des Menschen zu Gott als Tugend- und Glückseligkeitslehre zu beschreiben. Denn vor allem anderen gilt es, so Thomas, das Ziel zu betrachten (vgl. NE I), um den Weg zu bestimmen, auf dem man dorthin gelangen kann (vgl. NE IIff.; dazu S.th. I-II 1 prol.). Dieses Grundkonzept erfährt für Thomas im Übrigen eine bemerkenswerte Unterstützung durch die Bergpredigt Jesu, die ebenfalls mit der Rede von der Glückseligkeit (in den sog. "Glückseligpreisungen") beginnt, ehe durch verschiedene Gebote und Weisungen der Weg dorthin gezeigt wird (vgl. Mt 5-7). In diesem Sinne ist die Ethik des Thomas angemessen als "christlicher Eudaimonismus" charakterisiert:

Speculum Virginum, Baum der Laster (13. Jh. Abtei Himmeroth), Walters Art Museum Ms. W.72, fol. 25v
Speculum Virginum, Baum der Laster (13. Jh. Abtei Himmeroth), Walters Art Museum Ms. W.72, fol. 25v

Im Anschluß an die Betrachtung der Glückseligkeit als Ziel (vgl. S.th. I-II 1-5) gliedern sich die folgenden Ausführungen der S.th. zum Weg, dorthin zu gelangen, in die Untersuchung (1) der Handlung selbst (vgl. S.th. I-II 6-48) und (2) ihrer Prinzipien (vgl. S.th. I-II 49-114), wobei letztere in innere und äußere unterschieden werden. (2.1) Innere Prinzipien sind die Vermögen der Seele und ihre Habitus: Tugenden und Laster (vgl. S.th. I-II 49-89), (2.2) äußere Prinzipien sind der Teufel, der zum Bösen anstiftet (vgl. bereits S.th. I 114), und Gott, der durch sein Gesetz den Menschen leitet (vgl. S.th. I-II 90-108) und ihm durch seine Gnade hilft (vgl. S.th. I-II 109-114).
Darüber hinaus nimmt Thomas eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen allgemeiner und spezieller Morallehre vor. Sie begründet zugleich die Untergliederung des zweiten Teils der S.th. in die sog. Prima Secundae (= I-II) und die Secunda Secundae (= II-II). Als Grund gilt Thomas die gegenstandsbezogene Genauigkeit der Ethik als Wissenschaft: Die menschlichen Tätigkeiten und Akte sind stets auf Einzelnes gerichtet. Daher findet die ethische Erörterung ihre Vollendung in der Betrachtung des Besonderen (vgl. S.th. I-II 6 prol.). – Faktisch gestaltet Thomas diese besondere Betrachtung in der S.th. II-II (1) als Tugendlehre, insofern sie alle Menschen betrifft (vgl. S.th. II-II 1-170) sowie (2) als Lehre von den verschiedenen Gnadengaben und Lebensformen, den kirchlichen Ämtern und Ständen, insofern sie bestimmte Menschen betrifft (vgl. S.th. II-II 171-189). Die Tugendlehre kreist dabei um die drei göttlichen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) und die vier Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maßhaltung).
In struktureller Hinsicht nimmt er mit diesem Konzept wiederum die Gliederung der aristotelischen Ethik auf, die über die Untersuchung der einzelnen Tugenden und der ihnen zugeordneter Phänomene wie der Unbeherrschtheit und der Freundschaft (vgl. NE II-IX) in der Betrachtung der verschiedenen Lebensformen ihren Abschluss findet (vgl. NE X).


Heute ...

Albertus Magnus, Statue im Innenhof des Residenz-Seniorenwohnheims, Köln

... erinnert eine Statue des Albertus Magnus im Innenhof der Residenz am Dom, einem Seniorenheim, das kurz nach der Jahrtausendwende am Ort des Kölner Domnikanerklosters erbaut wurde, an den Ort blühender Gelehrsamkeit im Hochmittelalter.