Die Entdeckung der Person im Denken des Thomas von Aquin
Die neue Sicht auf den Menschen, die sich im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts entwickelt, wird vor allem augenscheinlich in den Skulpturen an den gotischen Kathedralen. Zum ersten Mal seit der Antike wird dort die menschliche Natur wieder in realistischer Weise zum Thema, und die Individualität und Personalität des Menschen kommen besonders zur Darstellung. Für Thomas konkretisiert sich diese Sichtweise in einer Darstellung des Gekreuzigten, die sein Lehrer Albert der Große zur Aufbewahrung einer Kreuzesreliquie hatte anfertigen und in der Kölner Dominikanerkirche aufhängen lassen. Es ist sehr gut möglich, daß Thomas vor diesem Kreuz gebetet hat und daß seine Betrachtung ihm einen Sinn für die conditio humana vermittelt und seinen Blick auf den Menschen geprägt hat. – Bemerkenswerterweise ist es auch theologisch und philosophisch eine im Kontext der Christologie geprägte Bestimmung der Person, die für Thomas gleichermaßen zum Schlüsselbegriff seines Denkens wie zum Summenzeichen seiner Anthropologie wird: die Definition des Boethius, der die Person als „individuelles Wesen von vernünftiger Natur (individua substantia rationalis naturae)“ bestimmte.